Objekt & Ladenbau

Naturstein im Ladenbau: Wie Storytelling im Flagshipstore funktioniert

19. Juli 2026 6 min

Im Jungfrau-Flagshipstore in Interlaken liegt der Boden nicht einfach da — er erzählt eine Bergbahn. Wie aus Naturstein eine begehbare Bahnstrecke wird, was das Handwerk dahinter leistet und warum die entscheidende Arbeit vor dem ersten Schnitt passiert.

Naturstein im Ladenbau: Wie Storytelling im Flagshipstore funktioniert

Lok 11 (Baujahr 1912) im Top of Europe Flagshipstore, Interlaken — sie steht optisch exakt auf den Gleisen aus Naturstein. Foto: Jan-Peter Keller / artEmotional.

Wer den Top of Europe Flagshipstore in Interlaken betritt, schaut intuitiv nach unten. Denn dort, bündig in den Stein eingelassen, liegt ein Gleis. Kein gedrucktes Muster, kein Aufkleber — eine echte Bahnstrecke aus Messing und Naturstein, die vom Eingang nach hinten läuft, eine Kurve zieht, sich an zwei Weichen verzweigt und wieder nach vorne führt. Man folgt ihr, ohne Aufforderung, mit Ruhe und dem Bewusstsein: das lohnt sich. Genau das war der Plan des Storytellings.

Der Flagshipstore gehört der Jungfraubahnen AG, einem Bergbahn-Unternehmen in der Schweiz. Die Geschichte eines Bergbahn-Unternehmens kann man mit Postern an der Wand erzählen und mit Ausstellungsvitrinen. Man kann die Geschichte aber auch sofort erlebbar, spürbar machen — mit jedem Schritt, den die Besucher tiefer in den Store gehen, über den Fußboden unter den Füßen.

Der Boden spricht seine eigene Sprache

In einem Ladengeschäft ist der Boden die einzige Fläche, die wirklich jeder benutzt. Wenn man möchte, kann man die Decke ignorieren, an den Regalen vorbeigehen, die Musik überhören — aber auf dem Boden steht man! Und Naturstein ist ein Material, das man nur schwer fälschen kann: eben kein Dekor-Print, kein Laminat, das so tut als ob. Ein Steinboden ist echt, er hält Jahrzehnte, und er sendet noch bevor ein Wort fällt ein Signal über den Wert der Marke, die auf ihm steht.

Deshalb war bei dem von mir vorgeschlagenen Design für den Flagshipstore die Entscheidung nie, ob Naturstein verlegt wird, sondern was er erzählen soll. Die Jungfraubahnen gehen auf Adolf Guyer-Zellers Idee von 1893 zurück — eine Zahnradbahn mitten durch den Fels des Eigers hinauf zur Gletscherwelt der Jungfrau-Spitze. Diese Gründungsgeschichte, das Gleis im Berg, das Erschließen des Berges, die steile Strecke, wollte ich nicht bebildern. Ich wollte sie in Material übersetzen.

Ein Gleis aus Stein: die Anatomie einer Inszenierung

Aus der Nähe löst sich die Strecke in ihre Bestandteile auf, genau wie ein echtes Gleis:

  • Die Schiene ist eine goldfarbene Messing-Linie, fünf Zentimeter breit, bündig in den Boden eingelassen.
  • Die Schwellen sind aus Brown Silk, einem Stein, dessen Maserung dem Holz alter Bahnschwellen sehr nahe kommt.
  • Das Schotterbett dazwischen ist Marinace Black — ein Konglomerat, das aussieht wie zusammengebackener Schotter, weil es im Grunde genau das ist: rundliche Gesteinsbrocken in dunkler Matrix.
Brown Silk Naturstein-Slab

Brown Silk — die Schwellen

  • Gestein: karbonatischer Gneis/Quarzit (im Handel als Granit), Hartgestein
  • Herkunft: Minas Gerais, Brasilien
  • Alter: bis zu 500 Millionen Jahre
  • Optik: fließende, lineare Maserung mit seidigem Glanz — wie edle Holzmaserung
  • Oberfläche: honed (matt geschliffen, Körnung 120)
  • Stärke: 2 cm
  • Rolle: die hölzern wirkenden Bahnschwellen
Marinace Black Naturstein-Slab

Marinace Black — das Schotterbett

  • Gestein: Metakonglomerat (im Handel als Granit)
  • Herkunft: Minas Gerais, Brasilien
  • Optik: tiefschwarze Matrix mit runden Kieseln in Grau, Weiß und Gold — wie ein versteinertes Flussbett
  • Eigenschaften: extrem dicht, hitze-, flecken- und kratzfest
  • Oberfläche: honed (matt geschliffen, Körnung 120)
  • Stärke: 2 cm
  • Rolle: das Schotterbett zwischen den Schwellen

Die Steine wurden in zwei Zentimeter Stärke ausgewählt, der Bodenaufbau ist insgesamt 12 cm hoch, eine Fußbodenheizung ist integriert. Die Spurweite beträgt exakt einen Meter, das ganze Motiv ist gut zwei Meter breit. Und alles ist in die Fläche gezogen, zweidimensional — keine erhabene Schiene, keine Stolperfalle. Der optische Eindruck einer Bahnstrecke bleibt, die Sicherheit eines ebenen Ladenbodens auch.

Das ist der Kern von Storytelling mit Stein: nicht ein schönes Material zeigen, sondern mit der Wahl und Zusammenstellung mehrerer Steine eine Bedeutung bauen. Der Stein imitiert hier nicht Holz und Schotter — er zitiert sie, damit der Kopf die Bahnstrecke von selbst zu Ende denkt.

Musterlegung: Brown Silk Schwellen, Marinace Black Schotterbett und Messing-Schiene

Die drei Elemente aus der Nähe: holzähnliche Schwellen aus Brown Silk, das Schotterbett aus Marinace Black und die Messing-Schiene dazwischen.

Die Strecke, der man folgen muss

Ein Gleis hat eine Eigenschaft, die kein Wegweiser hat: Der Zug folgt ihm unweigerlich. Es zieht vom Eingang durch den ganzen Store, macht hinten eine Kurve, teilt sich an den Weichen auf und führt wieder heraus — theoretisch kann man den ganzen Laden auf der Schiene ablaufen und kommt am Ende dort an, wo man losgegangen ist.

Entlang dieser Strecke liegen die Stationen. Wie bei einer echten Bergbahn fährt man Halt für Halt verschiedene Orte an — nur sind es hier die Partner der Jungfraubahnen: Lindt, Swatch, Victorinox, jeweils mit ihren Produkten an ihrer eigenen Station. Schilder, Haltestellen, ein als Bahnhof thematisierter Bereich runden das Erlebnis ab. Der Besucher merkt nicht, dass er geführt wird. Er reist.

So entsteht der emotionale Verbund, um den es eigentlich geht: zwischen dem Boden, der Schiene aus Naturstein, der Form des Stores und den Werten und Anlagen der Jungfraubahnen. Der Laden verkauft keine Produkte in Regalen. Er lässt die Kunden auf eine Reise gehen. Entspannt und verlockend zugleich.

Schiene und Weiche real im Jungfrau-Flagshipstore

Die Schiene läuft real durch den ganzen Store und verzweigt sich an den Weichen: Messing als Schiene, Marinace Black als Schotterbett, Brown Silk als Schwellen — begehbar und trittsicher.

Von 2D zu 3D: die Lok, die auf dem Stein steht

Schon vom Eingang aus sichtbar steht mitten im Flagshipstore eine über hundert Jahre alte Lokomotive, Baujahr 1912, gut fünf Meter lang, viele Tonnen schwer. Sie war für den Schrott vorgesehen. Dabei ist es eine Lok mit Geschichte — denn es ist dieselbe Lok, die 1936 bei der Tragödie um die verunglückten Bergsteiger die zu Hilfe eilenden Retter an den Ausstieg in der Eiger-Nordwand brachte. Wir haben sie gerettet, innen komplett ausgeräumt (heute ist innen ein Büro eingebaut) und als selbstverständliches Accessoire auf die Strecke gestellt.

Das Entscheidende: Sie steht optisch exakt auf den Gleisen aus Stein. Der zweidimensionale Boden und das dreidimensionale Objekt treffen sich in derselben Spur — die Geschichte springt aus der Fläche in den Raum. Über den Stein.

Die Gletscherwelt kommt eine Etage höher dazu: Dort liegt weißer Lasa-Marmor als Gletscheroberfläche, der Treppenlauf ist als stilisierter Fels gestaltet, die Decke wie aus Eis. Die schneeweiße Marmortreppe führt direkt zur Schiene, sie ist dabei nur ein Rand-Motiv. Der Hauptdarsteller bleibt im gesamten Erdgeschoss die Schiene.

Das Handwerk hinter der Präzision

Was auf dem fertigen Boden mühelos aussieht, ist in der Planung das Gegenteil. Eine gerade Strecke ist einfach: gleiche Schwellen, gleiches Raster, Wiederholung. Aber eine Strecke mit einer Kurve und zwei Weichen besteht aus hunderten Steinstücken, von denen kaum eines dem anderen gleicht. Jedes Kurvenstück ist ein Unikat, mit eigener Geometrie, eigenem Winkel, eigener Nummer. Dazu kommt die Berücksichtigung der Dehnfugen, die aufgrund der Fußbodenheizung und der Größe der Strecke notwendig sind.

Auf dem Verlegeplan trägt deshalb jedes einzelne Teil eine eigene Kennung — und die ist komplexer als eine simple Nummer: Sie kombiniert den Elementtyp (A bis D, vier definierte Grundformen mit eigenen Maßen), eine laufende Nummer entlang der Strecke und einen Buchstaben für das konkrete Einzelstück. So wird aus A1a, B5d oder D20c für jedes der hunderten Teile eine unverwechselbare Adresse — und auf jedem Stück ist zudem vermerkt, welche Kante als Sichtkante gefertigt und welche zur Fuge wird. Am dichtesten wird dieses Raster genau dort, wo die Schiene sich krümmt und teilt. Nur wenn jedes dieser Stücke exakt gefertigt wird, läuft die Schiene am Ende sauber durch die Kurve, trifft die Weiche und schließt sich wieder. Ein einziges falsch zugeschnittenes Kurvenstück, und der Bruch fällt sofort ins Auge.

Warum das 2019 so schwer war — und heute lösbar ist

Als wir den Store gebaut haben, gab es DDL noch nicht. Und genau da lag unser größtes Problem: die vielen individuellen Kurvenstücke exakt in die Produktion zu übertragen und dabei das Motiv im Stein mit der richtigen Richtung zu wahren. Vom Plan zum fertig zugeschnittenen Unikat — dieser Weg war die eigentliche Herausforderung, nicht die Idee.

Heute würde ich so ein Gleis nicht mehr Stück für Stück von Hand abwickeln. Ein digitales Dry Layout legt das gesamte Motiv am Bildschirm an und übergibt jedes einzelne Kurvenstück als exakten Zuschnitt an die Fertigung — bevor der erste Schnitt fällt. Was uns damals Zeit gekostet hat, wäre heute eine Frage der sauberen Planung. Das ist keine Werbung, das ist die Lehre aus dem Projekt selbst.

Verlegeplan der Schienen-Strecke mit nummerierten Steinstücken

Der Verlegeplan der Erdgeschoss-Strecke: hunderte einzeln nummerierte Steinstücke, am dichtesten in Kurve und Weichen. Genau diese Übertragung in die Produktion war 2019 die eigentliche Herausforderung.

Was Steinverarbeiter daraus mitnehmen

Ein Boden aus Naturstein kann mehr sein als eine schöne Oberfläche: Er kann die Marke seines Auftraggebers tragen. Wer im Objektgeschäft und im Ladenbau unterwegs ist, hat damit ein Verkaufsargument, das kein Katalogmaterial liefert — gegenüber Marken, die ihre Geschichte suchen, und gegenüber Architekten, die nach Substanz suchen.

Die Voraussetzung ist Präzision. Eine Idee wie die Schiene lebt oder stirbt an der Genauigkeit, mit der hunderte Einzelstücke zusammenlaufen. Wer diese Genauigkeit vom Plan bis in den Zuschnitt sichern kann, kann Geschichten in Stein anbieten, an die sich andere nicht herantrauen.

Der Boden im Top of Europe erzählt eine Geschichte. Er tut es leise, ohne ein einziges Wort — und trotzdem folgt ihm jeder Besucher bis zur letzten Station.

artEmotional GmbH — das Atelier hinter der Inszenierung

  • Sitz: Ettenheim (D), gegründet 2010
  • Gründer: Jan-Peter Keller (Dipl.-Ing.)
  • Fokus: Bergbahnen & Tourismus, Retail, Freizeitparks, Hospitality
  • Prinzip: Analysieren · Konzipieren · Bauen · Nachbetreuen — aus einer Hand
  • Leitsatz: „Where visions become stories. And stories become destinations."
  • Referenzen: Top of Europe Flagshipstore, Stücki Basel, LOEB Bern, World Trade Center New York

Konzept, Storytelling und Umsetzung des Jungfraubahnen-Flagshipstores stammen von artEmotional.

Storytelling in Stein — geplant, bevor geschnitten wird

Sie planen ein Objekt, bei dem der Boden eine Geschichte erzählen soll? In einem kurzen Gespräch zeigen wir, wie das digitale Dry Layout auch komplexe Motive aus vielen Einzelstücken exakt in die Produktion überträgt — bevor der erste Schnitt fällt.