Planung & Design

Labyrinth aus Naturstein: 800 Teile nach dem Vorbild von Chartres

2026-11-02 5 min

Im Kirchenboden von Görwihl im Südschwarzwald liegt seit 2025 ein Labyrinth nach dem Vorbild der Kathedrale von Chartres. Rund 800 Werkstücke, jedes ein Unikat, gefertigt in Italien und verlegt ohne Nachschneiden. Drei Teile mussten nachbestellt werden. Ein Projektbericht über die Frage, wo ein solches Projekt entschieden wird.

Fertig verlegtes Labyrinth im Kirchenboden von Görwihl: helle Laufwege aus Cascogne Beige, dunkle Begrenzungen und äußerer Zahnfries aus Gaya Brown, umgeben vom Travertin-Bestandsboden.

Ein Labyrinth ist kein Irrgarten. Es hat keine Sackgassen und keine falschen Abzweige, nur einen einzigen Weg, der in vielen Wendungen zur Mitte führt. Als Bernhard Stahlberger, Kooperator der Röm.-katholischen Kirchengemeinde Hochrhein-Südschwarzwald, ein solches Labyrinth für die Kirche in Görwihl anstieß, war das Vorbild schnell klar: das Labyrinth im Mittelschiff der Kathedrale von Chartres, entstanden im frühen 13. Jahrhundert.

Für einen Steinboden ist diese Form eine der anspruchsvollsten überhaupt. Das Ergebnis in Görwihl: rund 800 Werkstücke, kein Nachschneiden an den Labyrinthteilen auf der Baustelle, drei nachbestellte Teile. Entschieden wurde das lange bevor der erste Stein verlegt war.

Warum im Görwihler Labyrinth jeder Kreis passen musste

Konzentrische Kreise auf zwölf mal zwölf Metern, hunderte Einzelteile, jedes ein Unikat. An einer geraden Wand kann eine durchlaufende Fuge kleine Abweichungen am Ende auffangen. Das Labyrinth dagegen schließt sich nach 360 Grad wieder an seinem Ausgangspunkt. Weil die Fugen von Kreis zu Kreis versetzt laufen, gibt es dort keine durchgehende Fuge nach außen, an der sich nachschneiden ließe.

Nach DIN 18332 (Abschnitt 2.1.2) ist bei den hier verwendeten Werkstücklängen eine Maßabweichung von ±2 Millimetern pro Teil zulässig. Ein Außenkreis besteht aus rund 40 Teilen. Rein rechnerisch hätten sich die zulässigen Abweichungen auf ein Vielfaches der 2 Millimeter summieren können, die am Schlusspunkt erlaubt waren.

Wer hier vor Ort korrigieren muss, verliert Zeit, Material und Maßhaltigkeit. Deshalb verlagerte sich das Gewicht des Projekts an den Anfang: in die Planung.

Zwei Steine, die den Raum aufnehmen

Naheliegend wäre der Stein des Originals gewesen, ein gräulich-blauer Kalkstein. In der Görwihler Kirche hätte er farblich nicht gepasst. Auf Empfehlung der beteiligten Künstler, unter ihnen Rosa-Marie Vollmer, fiel die Wahl auf zwei Steine, die den Bestand aufnehmen statt ihn zu übertönen.

Cascogne Beige, ein heller Kalkstein, nimmt den ursprünglichen Farbton des Kirchenbodens auf. Aus ihm bestehen der Laufweg und die Intarsie im Zentrum.

Gaya Brown, ein Quarzit mit warmem Violett-Braun, antwortet auf die braune Deckenfarbe. Er bildet die Begrenzungen des Laufwegs und den äußeren Zahnfries.

Der Bestandsboden ist ein quer verlegter Travertin. Der Weg zur Steinwahl führte über zwei verworfene Varianten. Travertin-Muster wirkten mit ihrer starken Zeichnung zu unruhig, ein sehr homogener Alternativstein zu ruhig. Der Cascogne Beige mit seinen feinen Einschlüssen lag dazwischen. Verleger Lars Luther hält beide Steine für den Einsatz sehr gut geeignet, auch wenn der Quarzit „nicht ganz der einfachste Stein“ sei.

Nahaufnahme des Übergangs am Rand des Labyrinths: dunkler Zahnfries aus Gaya Brown mit halbrunden Aussparungen, eingepasst in den hellen Travertin-Bestandsboden.
Der Übergang zwischen Zahnfries und Bestandsboden: Hier war vor Ort die einzige nennenswerte Handarbeit nötig. Die Travertin-Gegenstücke wurden passend zum Bestandsboden zugeschnitten.

800 Werkstücke, jedes mit eigener Adresse

Jan-Peter Keller konstruierte das historische Vorbild digital nach und baute daraus in DDL ein vollständiges Verlegelayout. Jedes Werkstück bekam eine eindeutige Nummer, seine Steinadresse. Insgesamt rund 800 Teile: 412 in Gaya Brown, 388 in Cascogne Beige.

Vor dem ersten Schnitt standen die Eckdaten fest. Fugen 4 Millimeter, Dehnfugen 8 Millimeter, Materialdicke 2 Zentimeter, Oberfläche satiniert, Verlegetoleranz 2 Millimeter. Beim Einmessen gab die Form selbst die Logik vor, mit vier Achsen vom Mittelpunkt aus, jede durch einen Vermesspunkt gesichert, damit über die ganze Verlegezeit nachgemessen werden konnte. Der runde Schlussstein im Zentrum verlangte dabei die größte Genauigkeit.

Anschließend wurden die Werkstücke auf den Fotos der realen Rohplatten eingeteilt. So war vor dem Zuschnitt sichtbar, welches Teil aus welcher Platte kommt und wie die Zeichnung des Steins im Boden liegen würde.

Digitaler Planungsgrundriss des Labyrinths: links die nummerierten Werkstücke als Linienplan mit Steinadressen, rechts dieselbe Fläche mit den Fotos der Rohplatten überlagert.
Die digitale Planungsgrundlage: links die Werkstücke mit ihren Steinadressen, rechts mit den realen Plattenfotos überlagert. Die magentafarbenen Punkte markieren die Vermesspunkte auf den vier Achsen.
Screenshot aus DDL: oben eine Reihe von Rohplatten aus Gaya Brown, unten ein Ausschnitt des Labyrinths, in dem die Werkstücke mit den Plattenfotos belegt sind.
Arbeitsstand beim Blending in DDL. Die Werkstücke werden auf den Fotos der Rohplatten eingeteilt, oben die Platten aus Gaya Brown, unten der Ausschnitt des Labyrinths.

Vier Standorte, eine Datei

Widmann Stone beschaffte das Material in Verona und beauftragte die Firma Margraf in Chiampo als reinen Zuschnitt-Dienstleister. Die Zuschnittdaten gingen als DXF pro Platte direkt aus DDL an Margraf und wurden dort in die Wasserstrahlanlagen übernommen. Alexander Widmann begleitete den Start vor Ort. Welche Schnittgeschwindigkeit das Material verträgt, entschied sich an den ersten Rohplatten an der Maschine.

Den größten Hebel sah Widmann in der Verpackung. Mit den Verpackungslisten aus DDL kam jedes geschnittene Teil sofort in die richtige Kiste. Seine Nummer trug jedes Werkstück schon ab Werk. Verpackt wurde passend zur Geometrie des Labyrinths in kreissegmentförmigen „Kuchenstücken“, jede Palette außen mit ihrem Inhalt beschriftet.

Im Rückblick zeigt sich eine Besonderheit. Niemand in der Kette hat das physische Gesamtbild vor der Verlegung gesehen. Der Planer hielt die fertigen Werkstücke nie in der Hand. Margraf kannte weder das Labyrinth noch die Kirche, nur die Zuschnittdaten, Platte für Platte. Der Verleger sah die Steine bis zur Anlieferung nur als digitale Aufnahmen zur Freigabe, am Ende als nummerierte Kisten mit Plan. Ettenheim, Verona, Chiampo, Freiburg: vier Standorte, zusammengehalten von einer einzigen Datei.

Auf der Baustelle bestätigte sich die Vorarbeit. „Es kam alles an, die Maßhaltigkeit war perfekt, wir hatten keine Abweichungen, bei dieser großen Anzahl von Teilen“, berichtet Lars Luther.

Waterjet-Zuschnitt bei Margraf: Ein Mitarbeiter hebt mit Saugheber ein frisch geschnittenes Werkstück aus Cascogne Beige aus der Rohplatte, darunter das Schneidgitter.
Bei Margraf in Chiampo wird ein Werkstück aus Cascogne Beige nach dem Waterjet-Schnitt aus der Rohplatte gehoben.
Verpackungsvorgabe des Labyrinths: Grundriss mit farbig markierten Kistenbereichen und Legende, die Kisten 1 und 2 für Gaya Brown, die Kisten 3 bis 12 für Cascogne Beige.
Die Verpackungsvorgabe aus der Planung. Das Gaya Brown kam in zwei eigene Kisten, das Cascogne Beige in kreissegmentförmigen Bereichen, passend zur Geometrie des Labyrinths. Plan: artEmotional.

Drei nachbestellte Teile

Angefragt waren mehrere Firmen, auch ortsansässige. Einige sagten ab, technisch nicht zu bewerkstelligen. Die Hürde lag selten in der Verlegung selbst, eher in allem, was ihr vorausgeht. Eine Planung in dieser Tiefe verlangt Erfahrung, und die Übertragung des Plans auf hunderte unterschiedlich geformte Werkstücke wird mit herkömmlichen Mitteln schnell unwirtschaftlich. Dazu kommt das Risiko der Logistik. Den Zuschlag bekam Luther Naturstein aus Freiburg. Das Unternehmen habe, so Stahlberger, „den Wandel verstanden“ und das ganze Projekt mitgedacht.

Die Mannschaft begann in der Mitte und arbeitete sich Kreis für Kreis nach außen, die Maße stets im Blick. Jedes Teil trug seine Nummer, der Plan zeigte jede Position. Das hatte laut Luther „sehr viel Einfluss auf die Verlege-Geschwindigkeit“, weil jeder wusste, was wohin gehörte.

Am Ende mussten drei Teile neu bestellt werden. Eines zerbrach beim Verlegen, ein zweites überstand den Transport nicht. Das dritte lag in einer Spitzkehre, passte dort nicht und ließ sich wegen seiner Form von Hand nicht nacharbeiten.

Jedes der drei Ersatzteile saß auf Anhieb. Handarbeit brauchte es vor Ort nur am äußeren Zahnfries, für den die Travertin-Gegenstücke passend zum Bestandsboden zugeschnitten wurden. An den Labyrinthteilen selbst wurde nichts nachgeschnitten.

Verlegung im Kirchenraum: Im Zentrum liegt die fertige Rosette mit den ersten Kreisen, Mitarbeiter von Luther Naturstein setzen weitere Werkstücke, ringsum liegen die nummerierten Teile bereit.
Verlegung aus der Mitte heraus, Kreis für Kreis: Die nummerierten Werkstücke liegen bereit, der Plan zeigt jede Position.

Wo das Projekt entschieden wurde

Die Lehre aus Görwihl ist unspektakulär: Die Komplexität eines Labyrinths löst man nicht auf der Baustelle, sondern davor. In einer Planung, die jedes Teil eindeutig benennt, in einer Fertigung, die sich auf die Daten verlassen kann, und in einer Zusammenarbeit, in der Auftraggeber, Verarbeiter und Verleger dieselbe Datenbasis teilen.

„Sonst hätte es sehr viele Fehler bei Übertragungen in diversen Listen geben können“, sagt Lars Luther. Gemeint ist die ganze Kette: das Labyrinth zeichnen, Nummern vergeben, Werkstücke auf die Platten einteilen, Packlisten erstellen, an den Hersteller übermitteln. Luther möchte diese Vorarbeit bei ähnlichen Projekten nicht mehr missen.

Eine Wendung zum Schluss war in keinem Plan vorgesehen. Nach dem Abbau des Gerüsts zeigte sich, dass manche Farbtöne des Gaya Brown im Glas der Kirchenfenster wiederkehren. Für ein Labyrinth passt das: Der Weg ist vorgezeichnet und überrascht trotzdem.

Das Vorbild: Das Labyrinth von Chartres
Ort Kathedrale Notre-Dame de Chartres (Frankreich), im Boden des Mittelschiffs
Entstehung frühes 13. Jahrhundert, rund 800 Jahre alt
Durchmesser 12,88 m
Weg ein durchgehender Weg von 261,55 m
Aufbau 11 konzentrische Umgänge in vier Quadranten um eine sechsblättrige Rosette
Außenkranz 113 zahnförmige „Lunations“ (Mondzacken)
Quellen Cathédrale de Chartres, Labyrinthos (Jeff Saward), discover-chartres.com

Ein Projektbericht von Jan-Peter Keller (artEmotional). Er ist seit 2010 in der Steinindustrie tätig, mit Schwerpunkt auf der kompletten Projektabwicklung, und hat das Labyrinth geplant. Bei DDL ist er Ansprechpartner für Projekte wie dieses. Eine ausführliche Fassung ist in der Fachzeitschrift Naturstein, Ausgabe 10/2026, erschienen.

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Ein komplexes Projekt vor dem Zuschnitt planen

Jan Keller zeigt an einem eigenen Plan, wie Werkstücke, Rohplatten und Verlegung in DDL zusammenkommen, bevor geschnitten wird.